es ist wie ein Tanz auf dem Vulkan
jetzt demonstrieren noch Muskelmenschen
schwingen Plakate
rufen Parolen
rotten sich zusammen
sie versammeln nicht nur ihresgleichen
immer mehr Bürger stimmen mit ein
sie rufen die gleichen Parolen
fühlen sich im Recht
fühlen sich mutig
werden immer lauter
haben Angst vor den Fremden
haben Angst
um ihre Frauen und Kinder
um ihr Volk
um ihre Habe oder sonst was
kann nicht sehr plötzlich
aus diesem Züngeln
ein Marschieren im Gleichschritt werden
oder ist es nicht so ernst gemeint
aber
es ist eine Gratwanderung

Karin Jahr

Vertrauen
Vertrauen ist ein Geschenk des Himmels
eine Schwester der Liebe
es ist das Wertvollste in unserem Leben
nichts ist so wichtig
so unentbehrlich
so beruhigend
nichts kann uns tragen
wie nur das Vertrauen zu einem Menschen
es ist der Boden auf dem Leben wachsen kann
auf dem wir nicht alleine sind
nur so können wir
mit Mut in die Zukunft schauen
wenn ich einem Menschen vertrauen kann
dann bin ich gerettet
dann versinke ich nicht in meinen Nöten
dann wächst mir neuer Lebensmut

aber wehe dem Dämon
der versucht Vertrauen zu zerschlagen
der Unfrieden stiftet
der Zweifel sät
der auseinander bringt
wehe ihm

Karin Jahr

Nein mein Glaube ist nichts
das ich irgendeinem Menschen
irgendeiner Kirche
oder einem Himmel
zuliebe lebte
mein Glaube ist meine einzige Chance
das was mich am Leben hält
das was mich den nächsten Atemzug
wagen lässt
wenn mein Hals mir wie zugeschnürt ist
wenn mein Blut in den Adern erstarren will
wenn mein Herz zu müde ist
wenn mir alles abhanden kommt
wenn alles entgleitet
alles kalt und lieblos ist
wenn ich meine letzte Hoffnung
schwinden sehe
mir alles fremd und
unwirklich wird
die einst liebsten Menschen
sich mir entfernen
dann habe ich nur die eine Rettung
dann hilft mir nur das eine
unbegreiflich
unfassbar
nicht erklärbar
nicht mitteilbar

ich stürze in eine weiche Hand
es umhüllt mich wie ein gütiger Mantel
und alles sonst wird unwichtig

Karin Jahr

wir werden immer älter
werden wir auch klüger
immer stärker
werden wir besser
wissender
erfahrener
engagierter
und gelassener
mutiger
froher
versöhnlicher
gewagter
draufgängerischer
wir bekommen narben
viele narben
das ist das leben
ich mag meine narben

Karin Jahr

dann werde ich an deiner hand
durch die lüfte schweben
und mit dir durch die zeiten gleiten
du wirst bei mir sein
ich werde kein alleingelassen
mehr spüren
deine hand wird alle wunden heilen
meine enttäuschungen werden unwichtig
wie luftblasen werden sie vergehen
dann wird es hell werden um mich
und alles wird gut werden
und bis dahin will ich meine hoffnung
nicht verlieren

Karin Jahr

Was haben wir hier losgetreten
was ist uns aus der Hand geglitten
welcher Wahnwitz hat von uns Besitz
ergriffen
haben wir uns jetzt zurück entwickelt
zu Steinzeitmenschen
hatten wir nicht von Fortschritt geträumt
glaubten wir nicht an unsere
Menschlichkeit
dachten wir nicht
die Zeiten der Barbarei seien vorüber
und
zugleich turnen vereinzelte
Bessere
Reichere
Auserwählte
wie Schaufensterpuppen
um sich selber
sie fühlen nichts
nur sich selber
sie sehen nichts
nur sich selber
eitel und hohl
wie Schablonen
wie Geister
ohne Geist
wie Menschen
ohne Menschlichkeit

Karin Jahr

Wieder sind Dämonen erwacht
sie machen sich stark
sie sammeln Kräfte
sammeln Gleichgesinnte
sie machen andere zu Gleichgesinnten
sie schweben auf einer Wahnsinnswolke
fühlen sich übermächtig
anders
großartig
nur eines interessiert sie
sie wollen nur noch
für ihre Überzeugung leben
und töten
oder auch sterben
nichts sonst hat einen Wert

sag mir doch einer
was eigentlich läuft in diesen
hirnrissigen Köpfen ab

Karin Jahr

schrei wenn du kannst
wenn der schmerz an dir nagt
wenn die dunkelheit dich verschlingen will
schrei es zum himmel
wenn du kannst
wenn die welt sich um dich dreht
wenn du nicht mehr begreifst
schrei
wenn du nur noch stückwerk erkennst
schrei deine qual zum himmel
schrei deinen schmerz in die welt
wenn du kannst

Karin Jahr

auch wenn es heute wieder
nur ein traum bleibt
auch wenn ich heute wiederum
an meine grenzen stoße
auch wenn ich heute
keinen schritt weiterkomme
auf der stelle trete
im kreise drehe
im nebel irre
herum taste
wie ein blinder
will ich nicht aufgeben
werde ich nicht verzweifeln
trotz alledem
glaube ich
hoffe ich
vertraue ich

Karin Jahr

Worte
wir leben von Worten
mit Worten
Worte können kluge Worte sein
mit Bedacht gesprochene
Worte die Mut machen
die Hoffnung geben
Worte des Verstehens
des Vertrauens
der Empathie
und starke Worte der Liebe
oder wir gebrauchen
leere Worte
nichts sagende Worte
unüberlegte kränkende Worte
vielleicht auch
gezielt abtötende Worte
aber das Schlimmste ist
wenn es keine Worte mehr gibt
nur noch eisiges Schweigen
wortlose Erstarrung
tot bringende Wortlosigkeit

Karin Jahr